Pässe und Ausweise einfach

gefälscht: Führerscheine, Reisepässe, Personalausweise
Copyright: BMI/Alexander TUMA, 28.09.2011 Wien, Reisepass, Reisepaß, Dokumente, Dokument, Sicherheit, Sicherheitsmerkmale, Forschungs- und Qualitätszentrum, Österreichische Staastdruckerei

Heute, Dokumente aus aller Welt in alle Welt verschickt. Vor Ort befasst sich eine Sonderkommission der Bundespolizei mit dem Phänomen der gefälschten Dokumente. Der Handel damit boomt – und ist für die Behörden ein Alptraum.

Eine Frau hält gefälschte tschechische Dokumente (Reisepass (l-r), Führerschein und eine Identitätskarte) in den Händen.

Es wird im Grunde alles gefälscht: Führerscheine, Reisepässe, Personalausweise. “Das Bundeskriminalamt spricht mittlerweile von einer Million gefälschter Dokumente in Deutschland”, sagt Bundespolizist Marco Haufe. Für die Sicherheitsbehörden sind solche Fälschungen ein großes Problem. So verschaffte sich etwa Anis Amri, der Attentäter vom Berliner Breitscheidplatz, damit verschiedene Identitäten. An die Papiere dafür heranzukommen, ist offenbar nicht schwer.

Reporter von MDR exakt finden in den Sozialen Netzwerken schnell Anzeigen, in denen gefälschte Papiere angeboten werden. Sie kontaktieren die Anbieter und geben vor, dass ein Verwandter aus der Türkei nach Deutschland einreisen wolle. Dafür benötige er ein Dokument.

Nach kurzer Zeit erhalten die Journalisten von mehreren Anbietern zahlreiche Fotos von Dokumenten, die täuschend echt aussehen. Es sind ukrainische, italienische, belgische und deutsche Papiere darunter. 1.500 bis 5.000 Euro sollen die Dokumente kosten.

Passkontrolle

Deals mit gefälschten Pässen und Führerscheinen

Führerscheine und Betrug mit Fahrkarten oder Online

Einer der Anbieter gibt sogar per Sprachnachricht Tipps für die Einreise des vorgeblichen Verwandten: “Wenn er nach Deutschland einreisen möchte, braucht er einen italienischen Reisepass, und nach Italien braucht er einen deutschen Reisepass. Das hat die Erfahrung gezeigt.”

Die Herstellung der gefälschten Dokumente scheint offenbar kein Problem zu sein. “Ein wesentlicher Ansatz ist sicherlich, dass die technischen Möglichkeiten der Fälscher sich in den letzten Jahren enorm verbessert haben”, sagt Marco Haufe, Leiter der Schwerpunktprüfstelle Urkunden der Bundespolizei in Dresden. In den Neunziger Jahren sei ein Reisepass noch auf einem heimischen Tintenstrahldrucker gefertigt worden. Inzwischen seien die Möglichkeiten durch Computer oder Photoshop erheblich ausgeweitet worden.

Gefälscht werden nicht nur Personalausweise oder Reisepässe – und diese auch nicht nur von Terroristen genutzt. “Sicherlich spielt es eine große Rolle beim Bereich der organisierten Kriminalität. Wenn es um Diebesbanden oder Schleusungskriminalität geht, möglicherweise auch um Menschenhandel oder Zwangsprostitution et cetera”, sagt Polizist Haufe. Doch auch bei einfachen Delikten wie Online- oder Fahrkartenbetrug sei den Beamten dies schon untergekommen. Oder auch, wenn etwa jemand versuche zu verbergen, dass er gar keinen Führerschein besitzt.

Gefälschte Dokumente wirken wie echte

Für Nico Grünneker sind gefälschte Dokumente Alltag. Er überprüft diese in der Bundespolizeidirektion Halle auf ihre Echtheit. Er hat fast alles auf dem Tisch, was die Fälscherwerkstätten so produzieren. Die exakt-Reporter zeigen ihm die zugeschickten Fotos. “Vom ersten Eindruck sieht das aus wie ein echtes Dokument”, sagt er. Doch eine vollständige Bewertung könne der Experte anhand eines Fotos nicht abgeben. Dennoch vermutet er, dass es sich dabei um geklaute Dokumente handelt. Doch er wagt zu bezweifeln, dass sich derartige Sicherheitsmerkmale auf den Dokumenten vorfinden werden, die man letztendlich erhält.

Doch erkennen die Mitarbeiter in den Behörden auch immer solche Dokumente? “Das ist deswegen ein großes Feld geworden, weil viele Menschen mit gefälschten Dokumenten einreisen, um sich dann verschiedene Leistungen zu erschleichen”, sagt Martin Eisler vom Einwohnermeldeamt Erfurt. Mit der Anmeldebestätigung sei es dann möglich ein Auto zuzulassen, Führerscheine zu beantragen oder Kredite zu bekommen.

Bundespolizei bildet Sonderkommission

In den großen Städten – wie etwa Erfurt – wurden Angestellte geschult und professionelle Dokumentenprüfgeräte angeschafft. Doch die Wirkung verpufft, wenn etwa in kleineren Kommunen eine Prüfung weniger gründlich erfolgt, beobachtet die Bundespolizei. “Wenn festgestellt wird, dass die Kontrollen dort eben nicht so streng sind, dann spricht sich das ganz klar herum”, sagt Polizist Haufe. Dann verlagere sich der Schwerpunkt dahin.

und Die Dokumente, die Nico Grünneker untersucht, wurden am DHL-Hub in Leipzig beschlagnahmt. Dort werden Dokumente aus aller Welt in alle Welt verschickt. Weder DHL noch Zoll wollten sich dazu äußern. Mittlerweile gibt es bei der Bundespolizei eine zehnköpfige Sonderkommission, die sich mit dem Phänomen befasst. “Wir sehen, dass ein Großteil der gefälschten Dokumente tatsächlich aus dem Ausland auch nach Deutschland verschickt wird”, sagt Prüfstellenleiter Haufe. Teilweise lasse sich ableiten, wo etwa die dahinterstehenden Fälscherwerkstätten und Organisationen beheimatet seien. Die Anbieter sitzen meist in der Türkei und in Syrien oder auch in der Schweiz, wie die Recherchen der Reporter ergeben hat.

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